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uni'leben 01-2012

Die Zeitung der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg www.leben.uni-freiburg.de von Markus Westphal Während die letzten Schnee- wanderer von ihrem Ausflug in den Wald zurückkehren, beginnt für den Wildtierökologen Max Krö- schel die Arbeit. Seinen Wagen hat er auf einer kleinen Anhöhe am Rande des zugeschneiten Weges geparkt. Das unwegsame Gelän- de und die dichte Schneedecke machen die Weiterfahrt mit dem Auto unmöglich. Kröschel steht vor dem geöffneten Kofferraum, packt seine Ausrüstung und streift das wärmende Schneehemd und die geländefähigen Stiefel über. Doch das wichtigste Ausrüstungsstück hält der Forstwissenschaftler in ei- nem schwarzen Koffer mit Sicher- heitsschloss gut verwahrt: sein Ge- wehr. Denn Max Kröschel ist nicht nur Wissenschaftler, sondern auch Jäger. Mit geschultertem Gewehr und schnellen Schrittes begibt er sich inmitten der Winteridylle auf die Jagd. Kröschel jagt im Auftrag der Albert-Ludwigs-Universität. Seit 1958 ist die Hochschule im Besitz des 127 Hektar großen Waldstücks bei Hinterzarten. Der Mathislewald ist Teil des Vermögens der Müller- Fahnenbergstiftung. Er wird von der Forstwissenschaftlichen Fa- kultät verwaltet und bewirtschaftet. Wie von der Stiftung vorgesehen, steht er für Forschung und Lehre zur Verfügung. Auch das Jagd- recht für den Wald hat die Fakultät. Aber erst seit 2011 jagen die Frei- burger Förster selbst. Davor war das Jagdrecht an den Jagdhüter der damaligen Grundeigentümer vererbt gewesen. Bereits am Ein- gang zum Wald entdeckt Kröschel die ersten Tierspuren. Kreuz und quer über die Schneedecke verteilt, zeichnen sich die winzigen Ovale ab. Wo die eine Fährte aufhört und eine neue Spur beginnt, lässt sich in diesem Wirrwarr nur schwer er- ahnen. ,,Diese Fußspuren gehören einem Fuchs“, sagt Kröschel. Der Wald als Freilandlabor Der Mathislewald ist das Frei- landlabor der Freiburger Forstwis- senschaft. „Besonders intensiv wird der Mathislewald für Wald- bauprojekte genutzt“, erklärt Krö- schel auf dem Weg. Dabei geht es den Verantwortlichen in der Fakul- tät vor allem darum, den Wald zu verjüngen und neue Baumbestän- de zu begründen. Früher war der Mathislewald durch ausgedehnte Mischbestände aus Fichten, Tan- nen und Buchen charakterisiert. Doch jetzt besteht er fast aus- nahmslos aus Fichten, deren grü- ne Kronen in einen weißen Mantel aus Schnee gehüllt sind – ein An- blick wie in einem fantastischen Wintermärchen. Der Forstwissen- schaftler Kröschel spricht dagegen von Fichtendominanz. Waldum- baumaßnahmen sollen nun das Vegetationsbild wieder verändern und eine dauerhafte und nachhal- tige Nutzung sichern. Nach einem kurzen Gang durch den winterli- chen Wald erreicht er einen klei- nen, sehr wackelig wirkenden Hochstand. Er steht fast einsam inmitten der ausgedehnten weißen Landschaft. Die dichte Schnee- decke wird an zahlreichen Stel- len von kleinen grünen Pflanzen durchstoßen. Von manchen ist nur die obere Spitze zu sehen. Krö- schel macht hier kurz halt. „Dies ist eine der von uns angelegten Versuchsflächen“, sagt der Förster. Das Gebiet steht voll von jungen Tannen, die sich auf natürliche Weise verjüngt haben. Kröschel begutachtet eine der Spitzen, die etwas merkwürdig aussieht. Der Jäger ist sich sicher: An dieser Tanne hat ein Reh geknabbert. „Leittriebverbiss“ heißt das in der pragmatischen Sprache der Förster – das Schreckgespenst der Waldbauern. „Der Verbiss durch Rehe ist eigentlich ganz natür- lich und macht dem Wald nichts aus“, erläutert Kröschel. „Doch im modernen Waldbau setzt man sich das Ziel, einen bestimmten Teil der jungen Bäume auch he- ranwachsen zu sehen. Da kann man sich zu hohen Verbiss nicht leisten, sonst sind die waldbauli- chen Ziele gefährdet.“ Oftmals wird vorgeschlagen, vermehrt Jagd auf das Wild zu machen. Eine geringe- re Rehdichte würde nach Ansicht mancher Förster dem Schutz der jungen Pflanzen dienen. Ob diese Idee wirklich Erfolg versprechend ist, will Kröschel im Mathislewald überprüfen, in dem im vergange- nen Jahr 500 feste Aufnahmepunk- te angelegt wurden. Studierende bei der Feldforschung In einem Umkreis von zehn Quadratmetern wird jeder Baum auf Wildtierverbiss hin überprüft. Dabei unterstützen Kröschel meh- rere Studierende der Forstwissen- schaftlichen Fakultät, die im Wald erste praktische Erfahrungen in der Feldforschung sammeln kön- nen. „Bei dieser Studie geht es uns vorwiegend darum herauszufinden, ob die Wildtierdichte im Wald ei- nen starken Einfluss auf den Ver- biss hat und zu überprüfen, wie unsere Abschussdynamik den Ver- biss und die Waldverjüngung be- einflusst.“ Deshalb geht Kröschel nun öfter mit seinem Jagdgewehr im Mathislewald auf die Pirsch. Er hat nun fast die Stelle erreicht, die er für die Jagd ausgewählt hat und zieht noch schnell einen schnee- weißen Poncho über das Hemd. Er soll den Jäger für das Wild im Winter unsichtbar machen. Um die Tiere nicht zu verschrecken spricht der Jäger nur noch im Flüsterton: „Im Winter findet man die besten Jagdstellen, indem man auf Him- beer- und Brombeersträucher ach- tet.“ Die hungrigen Tiere knabbern in der kalten Jahreszeit gerne an den letzten Überbleibseln des vergangenen Sommers. Eine sol- che Stelle kennt Kröschel. Nach einem kurzen Aufstieg an der stei- len Anhöhe erreicht er ein Plateau: Von hier aus hat er einen weiten Ausblick auf das vor ihm liegende Waldstück. Die Bäume wachsen fast wie in einer Allee. Kröschel setzt sich, angelehnt an eine massive Fichte, in den Schnee. Sein Jagdgewehr legt er griffbereit auf sein rechtes Knie. Nun heißt es in der Kälte auszu- harren und auf ein umherziehen- des Tier zu warten. Kröschel sitzt bewegungslos da. In der Stille pfeift der eisige Wind ganz leise um die Bäume. Irgendwann wird Kröschel aufmerksam. Der erfah- rene Jäger hat etwas gehört. Er vermutet ein Tier direkt hinter dem hohen Gesträuch neben ihm, doch es bleibt verborgen. Als er sich ge- rade für den Abstieg bereit macht, vernimmt der Forstwissenschaftler noch ein Geräusch. Aus dem Au- genwinkel erkennt er einen kleinen Fuchs, der die Anhöhe zwischen den riesigen Bäumen hochstolziert. Kröschels Studie im Mathisle- wald soll über die nächsten Jahre weiterlaufen. Auf der Rückfahrt erzählt der Ökologe, dass er und die Studierenden damit beschäf- tigt sind, die ersten Daten von 2011 auszuwerten. Erste Aussagen über den Verlauf des Projekts lassen sich erst in ein paar Jahren ma- chen. In den nächsten Jahren wird er wohl noch öfter im Mathislewald auf die Pirsch gehen. 01 2012 Im Mathislewald bei Hinterzarten geht der Doktorand Max Kröschel für die Wissenschaft auf die Pirsch Vordenken: Frauenquote in der Diskussion >Seite 3 Vorbeugen: Senf für die Gesundheit > Seite 6 Vorturnen: Sport in der Mittagspause > Seite 9 Foto: Spalek Jagen im Auftrag der Universität FOTO:PLendel/Fotolia