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uni'leben 01-2012

01 2012 unı leben Die Zeitung der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg www.leben.uni-freiburg.de 12 von Lars Schönewerk Am Anfang war es nur eine norma- le Vorlesung für die Studierenden, begrenzt auf die Fakultät. Doch inzwi- schen sind die Plätze immer sehr be- gehrt, wenn das Physikalische Institut der Universität Freiburg seine alljähr- liche Weihnachtsvorlesung ankündigt. So begehrt, dass die spektakuläre Show mittlerweile dreimal hintereinan- der stattfindet. „Wir könnten sie wahr- scheinlich auch vier- oder fünfmal machen, aber irgendwann muss mal Schluss sein“, sagt Vorlesungsmechani- ker Helmut Wentsch und lacht mit tiefer Stimme. Sogar Schulklassen kommen. In jeder der drei Vorlesungen sitzen zwischen 350 und 400 Menschen. Dass so viele herbeiströmen, damit hätte Wentsch anfangs nie gerechnet. „Und die wollen sich tatsächlich alle Physik ansehen.“ Eigentlich ist Wentsch gelernter Fern- sehtechniker. 15 Jahre lang arbeitete er im Kundendienst. Bis er keine Lust mehr hatte, herumzufahren und bei schlechtem Wetter Antennen auf Silo- dächern zu errichten. Er wollte lieber einen Job, der drinnen stattfindet. 1987 sah er eine Stellenausschreibung der Universität Freiburg. Gesucht wurde ein Vorlesungsmechaniker. „Die Be- schreibung entsprach meinem Können. Es ist eine Kombination aus Mechanik und Elektrik. Etwas aufbauen und aus- einandernehmen, alles zerlegen, se- hen, wie es funktioniert – das habe ich schon immer gern gemacht. Es ist ab- wechslungsreich, vielfältig.“ Er bekam die Stelle. Seitdem bereitet Wentsch Versuche für Vorlesungen vor und hilft den Dozierenden. „Am interessantesten ist es, wenn man Neues ausprobieren kann. Es ist immer eine Herausforde- rung, zu sehen, ob es geht oder nicht.“ Modellhubschrauber und elektronische Musikinstrumente Dabei hat die Physik Wentsch wäh- rend seiner Schulzeit nicht besonders begeistert. „Sie hat mich eher gelang- weilt, es war einfach alles viel zu tro- cken. Alles ist theoretisch abgehandelt worden, Versuche und Demonstratio- nen hat es nicht gegeben.“ Auch Mathe mochte er nicht: „Ich bin froh, dass ich die Versuche nicht in Formeln packen muss.“ Ihm lag eher das Gestalterische, Künstlerische – und diese Neigung zum Kreativen ist geblieben: Jahrelang hat Wentsch in seiner Freizeit mit Ölfarben gemalt, nun widmet er sich ferngesteu- erten Modellhubschraubern. Er ist nun mal ein Bastler und baut gerne Din- ge. Beispielsweise das Theremin, ein elektronisches Musikinstrument, das ursprünglich aus Russland stammt und das man beim Spielen nicht berührt. Wentsch hat das Instrument, einen eher schmucklosen Holzkasten, aus dem zwei Antennen ragen, extra für die Weihnachtsvorlesung angefertigt. „Das war mal wieder etwas Neues, das kaum jemand kennt.“ Sehr schwer zu spielen sei das Instrument nicht, aber das Spiel zu perfektionieren dürfte schwierig sein. Viel geübt habe er nicht. „Man kann sich da rantasten. Mit ein bisschen Ge- schick hat man das Grundfeeling recht schnell, wenn man das Lied kennt.“ Das musikalische Gespür dafür hat er: Schon als Kind hat er Gitarre gespielt, seit zehn Jahren singt er in einem Chor. Daher sitzen auch die Töne, wenn Wentsch bei der Weihnachtsvorlesung im Duett mit Prof. Dr. Horst Fischer mit heliumverzerrter Micky-Maus-Stimme Weihnachtslieder zum Besten gibt. Es knistert, brennt und knallt Neben den teils atemberaubenden Experimenten der Weihnachtsvor- lesung wirkt die witzige Gesangs- einlage harmlos. Doch wenn es knistert, brennt und knallt oder Plas- tikflaschen dank Gasdruck durch den Hörsaal fliegen, könnten sich ängstliche Naturen fragen, wie es um die Sicherheit bestellt ist. Doch Helmut Wentsch sieht aus, als kön- ne ihn nichts und niemand aus der Ruhe bringen. „Wenn man weiß, was man tut, ist es nicht gefährlich, auch wenn es vielleicht spektakulär aus- sieht. Sonst würde ich es auch gar nicht machen.“ Möglicherweise ist er ja doch der geborene Physiker? Daran, dass es solche gibt, besteht für Wentsch kein Zweifel. „Ich gehö- re aber nicht dazu.“ menschen Studieren zwischen zwei Kulturen Exzellenzpreis der Deutsch-Französischen Hochschule für Lea Schulte Vorlesungsmechaniker Helmut Wentsch bereitet Versuche für Lehrveranstaltungen in der Physik vor von Anita Rüffer Auch gelernte Europäer brauchen ihre Wurzeln: Als für Lea Schulte nach dem Semester in Paris 2011 alle Prüfungen vorbei waren und sie ihren deutsch-französischen Master in Inter- nationalen Wirtschaftsbeziehungen in der Tasche hatte, muss es für sie ganz schön gewesen sein, zum Ausspannen mal ins Elternhaus nach Arnsberg ab- zutauchen. In der Stadt im Sauerland ist sie 1985 zur Welt gekommen und später zur Schule gegangen. Mitge- bracht hat sie außer ihrem Master auch einen Exzellenzpreis der Deutsch- Französischen Hochschule, der ihr für ihre „fachlich und interkulturell hervor- ragenden Studienleistungen“ von der Firma SAP verliehen worden ist. Die 1.500 Euro Preisgeld kommen ihr ge- rade recht, um die Zeit der jetzt anste- henden Jobsuche zu überbrücken. Der Preis ist kein Zufall. Nicht, dass sie systematisch darauf hingearbeitet hätte. Dazu ist er auch nicht gewichtig genug. Aber ihre bisherige Lebensge- schichte lässt ihn folgerichtig erschei- nen. Angefangen hat es nach dem Ab- itur am städtischen Gymnasium. Da zog es Lea Schulte fort von Arnsberg. „Ich wollte was Neues sehen und erle- ben.“ Ein Jahr verbrachte sie als Au- pair bei einer Familie in Paris. Sie lern- te das Alltagsleben der französischen Hauptstadt ebenso kennen wie Kunst und Kultur. „Das hat mir alles sehr ge- fallen, und ich habe nach einem Stu- dium Ausschau gehalten, bei dem ich von dem Jahr in Frankreich profitieren könnte.“ Fündig wurde sie an der Uni- versität Mannheim mit dem Bachelor- studiengang „Kultur und Wirtschaft“. Eine für sie ideale Kombination aus Romanistik und Betriebswirtschafts- lehre. Denn längst hatte sie erkannt, dass „wirtschaftliche Kenntnisse sehr hilfreich“ sein können. Nicht um die Finanzmärkte aufzumischen und ma- ximale Gewinne zu erzielen, sondern um an einer „nachhaltigen Gestaltung der Gesellschaft“ mitzuwirken. Kein Sprachstudium als Selbstzweck Ohne Frankreich ging es auch in Mannheim nicht: Ein Semester ihrer drei Bachelorjahre verbrachte sie im Rahmen des Erasmus-Programms an der Universität Perpignan. Im Süden Frankreichs, den sie noch einmal ganz anders erlebte als Paris, sei ihr mit Blick auf ihre Zukunft klar geworden, dass die Anwendung der Sprache viel wichtiger ist als jeder Sprach-, Gram- matik- und Literaturkurs, wie sie sie aus Mannheim kannte. Kein Sprach- studium als Selbstzweck, sondern als Mittel zum Zweck der Kommuni- kation. Sie suchte einen binationalen Masterstudiengang und fand ihn mit den „Internationalen Wirtschaftsbe- ziehungen“ am Frankreichzentrum der Albert-Ludwigs-Universität. Wieder eine „optimale Kombination“ aus Theo- rie und Praxis. Wer Beziehungen pfle- gen will, muss kommunizieren können, und das möglichst nicht nur in einer Sprache: Deutsch, Französisch, Eng- lisch – alles sei vertreten gewesen: mit einer großen Bandbreite an fach- lichen Inhalten, von der Betriebs- und Volkswirtschaftslehre über Recht bis zu kulturellen Aspekten. „Noch mehr beeindruckt hat es mich, im Team mit den unterschiedlichsten Nationalitäten zu arbeiten.“ Die Deutsch-Französische Hoch- schule bietet gemeinsam mit der Part- nerhochschule Université Paris-Est Créteil den binationalen Studiengang des Frankreichzentrums an. Für Lea Schulte begann er in Freiburg in einer etwa 20-köpfigen, bunt gemischten Klasse aus Deutschen, Franzosen und Afrikanern. „Die unterschied- lichen Blickwinkel, der respektvolle Umgang miteinander, das fand ich sehr bereichernd.“ Auch die Arbeitsweisen hätten sich, je nach Nationalität, auf- fallend unterschieden: strukturiert, vor- ausschauend und streng nach Zeitplan die Deutschen, eher auf den letzten Drücker und spontaner die Franzosen, dafür aber mit viel kreativem Chaos. „Im Ergebnis hat es immer gestimmt.“ Und die Ergebnisse mussten immer in der Gruppe erarbeitet werden. Man- cher Euro-Gipfel könnte sich davon womöglich eine Scheibe abschneiden. Freundschaften sind schnell entstanden Das straff organisierte Studium in einer überschaubaren Gruppe in Frei- burg ist der Vorgabe zu verdanken, dass Dozierende aus ganz Deutsch- land und Frankreich nach einem fes- ten Plan eingeladen werden. Für Lea Schulte hatte es den Vorteil, dass „wir als Gruppe zusammen geblieben und schnell intensive Freundschaften entstanden sind“. Eine Kommilitonin war während des Pflichtpraktikums, das sie an der deutsch-belgisch-lu- xemburgischen Außenhandelskam- mer absolvierte, zusammen mit ihr in Brüssel. Unter anderem arbeitete Lea Schulte mit an einem Energieprojekt für Ruanda, das von der EU unter- stützt werden sollte. Auch in Paris, wo sie das letzte Semester mit dem Schwerpunkt „Verwaltung und inter- nationaler Austausch“ studierte und die Verhältnisse unübersichtlicher wurden, kreuzten sich die Wege mit den Kommilitonen aus Freiburg wie- der. „Ich habe während des Studiums immer eine Art Zugehörigkeit erlebt.“ Deutsch-Französische Hochschule Die Deutsch-Französische Hochschu- le mit Verwaltungssitz in Saarbrücken umfasst ein Netz von mehr als 150 Hochschulen aus Deutschland und Frankreich, die Lehre und Forschung gemeinsam voranbringen wollen und unter anderem gemeinsame binati- onale Studiengänge erarbeiten. Der Master „Internationale Wirtschafts- beziehungen“ des Frankreichzent- rums der Freiburger Universität wird neuerdings auch zusammen mit der Universität Straßburg angeboten. Lea Schulte zusammen mit Frédéric Massé vom Softwarekonzern SAP bei der Preisverleihung. Foto: Maurer (DFH) Baut gerne neue Dinge: Vorlesungs- mechaniker Helmut Wentsch im Physikhörsaal. Foto: Kunz Der Bastler