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uni'leben 01-2012

01 2012 unı leben Die Zeitung der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg www.leben.uni-freiburg.de 5forschen Zeit für eine Zwischenbilanz Der Psychologe Markus Heinrichs untersucht in einer klinischen Studie, ob das Hormon Oxytocin die Psychotherapie bei Menschen mit sozialen Störungen unterstützen kann von Nicolas Scherger Präriewühlmäuse kümmern sich um ihre Kinder und bleiben dem Partner ein Leben lang treu. Bergwühlmäuse nicht. Das Hormon Oxytocin macht den Unterschied, hat eine amerikanische Forschungsgruppe Mitte der 1990er Jahre herausgefunden. Damals hatte Markus Heinrichs gerade seine Ausbil- dung zum Psychotherapeuten begon- nen. Er hat erlebt, dass Patientinnen und Patienten mit schweren sozialen Defiziten oft nicht erfolgreich behan- delt werden konnten. Dann ist er auf die Studie mit den Wühlmäusen gesto- ßen. „Was wäre, wenn wir dieses Hor- mon irgendwann in der Psychotherapie einsetzen könnten?“, hat er sich gefragt. Als erster Wissenschaftler weltweit hat der damalige Doktorand der Psycholo- gie 1996 damit begonnen, die Bedeu- tung von Oxytocin für das menschliche Sozialverhalten zu erforschen – und damit einen Boom ausgelöst. Oxytocin soll Erfahrung von Nähe erleichtern Inzwischen sind viele Studien über Experimente veröffentlicht worden, bei denen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler einem Teil der Test- personen Oxytocin, einem anderen Placebos verabreicht haben. Die Pro- bandinnen und Probanden sollten zum Beispiel von dem Gesichtsaus- druck eines Menschen auf dessen Gefühlszustand schließen. Oder an einem Investitionsspiel teilnehmen, das zeigt, wie groß die Bereitschaft ist, einem Fremden Vertrauen zu schenken. Oder Kopfrechenaufga- ben vor einer Gruppe lösen, damit Wissenschaftler die Stressreaktionen messen konnten. Nach knapp zehn Jahren Grundlagenforschung galt als sicher: Oxytocin beruhigt, verringert Angst und Stress in sozialen Situatio- nen und erhöht das Vertrauen gegen- über Mitmenschen sowie Bindungs- fähigkeit und Einfühlungsvermögen. Doch für Markus Heinrichs, seit Ende 2009 Professor für Biologische Psychologie an der Universität Frei- burg, sind das nur Zwischenergebnis- se. Sein Ziel ist eine „psychobiologi- sche Therapie“: eine Psychotherapie, bei der Menschen mit sozialen Stö- rungen zusätzlich zur Verhaltensthe- rapie Oxytocin als Nasenspray erhal- ten, um den Behandlungserfolg zu erhöhen. „Bei einer Psychotherapie machen die Patienten unter Anleitung neue Erfahrungen mit sozialer Nähe und zeigen ein anderes Verhalten. Das Hormon soll diesen Lerneffekt begünstigen“, erklärt Heinrichs. Ein Medikament, das auch ohne Therapie Änderungen im Verhalten bewirke, sei Oxytocin nicht: „Wenn jemand das zu Hause dreimal täglich nehmen würde, bekäme er im schlimmsten Fall nur eine Reizung der Nasenschleimhäu- te.“ Ob die Therapie jedoch die ge- wünschten Ergebnisse bringt, testet Heinrichs derzeit zusammen mit Prof. Dr. Mathias Berger und Dr. Alexandra Philipsen von der Abteilung Psychia- trie und Psychotherapie am Universi- tätsklinikum Freiburg. Ihre klinische Studie mit stationären Patienten gilt als die größte weltweit zu diesem Thema. Die Probanden leiden an der Borderline-Persönlichkeitsstörung, die sich zum Beispiel darin äußert, dass ihr Selbstbild nicht stabil ist, ihre Stimmungen stark schwanken und sie Schwierigkeiten haben, soziale Bezie- hungen aufrechtzuerhalten. Außerdem erforscht Heinrichs die Wirkung des Hormons im Körper. Das erfordert Methoden aus anderen Diszi- plinen, beispielsweise der Genetik: „Wir haben festgestellt, dass nicht nur ent- scheidend ist, wie viel Oxytocin Men- schen ausschütten, sondern auch, wie empfindlich die Andockstellen für das Hormon im Gehirn darauf reagieren.“ Damit könne er einordnen, welchen Patienten eine psychobiologische The- rapie möglicherweise gut helfen könn- te und welchen eher nicht – was aber nicht bedeute, dass die Gene das So- zialverhalten bestimmten. „Es wäre ge- fährlich, Menschen auf Genabschnitte und ein Hormonsystem zu reduzieren. Wir müssten aufhören, Psychotherapie anzubieten, wenn wir ernsthaft glauben würden, dass sich Menschen nicht än- dern können.“ Schon jetzt erhält Heinrichs viele Anfragen nach Oxytocin, etwa von Eltern autistischer Kinder. Doch die Wissenschaft ist weit davon entfernt, den Einsatz des Hormons in der Psy- chotherapie zu empfehlen – weltweit ist keine der laufenden klinischen Studien abgeschlossen. Im Sommer, wenn mindestens 60 Patienten die zwölfwöchige Therapie am Universi- tätsklinikum durchlaufen haben, will Heinrichs eine Zwischenbilanz zie- hen: „Wir betreiben zwar spannende Forschung am Menschen. Aber wenn wir sehen würden, dass der Ansatz letztlich den Patienten nicht hilft, würde es keinen Sinn machen, die Studie weiterzuführen – und dann wäre mein Interesse an Oxytocin stark beeinträchtigt.“ Oxytocin Das Neurohormon Oxytocin (altgrie- chisch: „schnelle Geburt“) ist eine Aminosäurenkette, die in der Hirn- anhangsdrüse gebildet wird und als Botenstoff zwischen Nervenzellen dient. Seit den 1950er Jahren ist be- kannt, dass es Geburtswehen aus- löst und den Milchfluss stimuliert. In der Geburtshilfe wird es genutzt, um Wehen einzuleiten. In jüngster Zeit konnte gezeigt werden, dass Oxyto- cin die emotionale Bindung zwischen Personen verstärkt und bei zärtli- chen Berührungen sowie beim Ge- schlechtsverkehr ausgeschüttet wird. Andockstellen für das Hormon befin- den sich an mehreren Organen, ins- besondere in Strukturen des Gehirns, die für die Emotionen zuständig sind. Mit Nasenspray zum Behandlungserfolg? Markus Heinrichs testet, ob Oxytocin in Kombination mit Verhaltenstherapie die schwierige Behandlung sozialer Störungen wie Autismus oder soziale Phobie verbessern kann. Foto: Kunz Die Deutsche Forschungsgemein- schaft hat zwei neue Graduierten- kollegs an der Universität Freiburg bewilligt. Sie ermöglichen es Doktoran- dinnen und Doktoranden in einem For- schungs- und Qualifizierungsprogramm zu promovieren. Die Projekte des Graduiertenkollegs „Kohomologische Methoden in der Geometrie“ reichen von der mathematischen Physik bis zur Zahlentheorie, sind methodisch aber eng verknüpft. Die Kohomologie ist ein Werkzeug, das in allen geometrischen Disziplinen einsetzbar ist. Durch die Verbindung von abstrakter Algebra und konkreter Geometrie erhoffen sich die Wissenschaftlerinnen und Wissen- schaftler neue Ergebnisse. Das zwei- te Graduiertenkolleg befasst sich mit faktualen und fiktionalen Erzählungen. Unter dem Begriff „faktuales Erzäh- len“ werden Erzählungen verstanden, die sich in ihrem Kontext auf die Wirk- lichkeit der Adressaten beziehen und von diesen für wahr gehalten werden – etwa Geschichtswerke, Werbetexte oder Reality-Shows. Die Analyse bein- haltet neben der Literaturwissenschaft auch andere Forschungsfelder, etwa die Geschichtswissenschaft, Archäo- logie, therapeutische Psychologie und Rechtswissenschaft. Zählen und erzählen in zwei neuen Promotionskollegs Studieren in Freiburg Muntermacher fürs Studium – gute Fach- literatur und persönliche Beratung. Und in den Semesterferien entspannen mit guter Unterhaltungsliteratur. Unsere Fachbuchhändler/innen: Undownloadable! Buchhandlung Rombach · Telefon 0761/4500.2400 · www.buchhandlung-rombach.de Buchhandlung Walthari · Telefon 0761/38777.2210 · www.buchhandlung-walthari.de In 3 Minuten Ziel erreicht! Bonuskarte für Studierende semesterkampagne_2011_n_rom_semanz_111,6x158 29.11.11 11:20 Seite 1 Das International Moss Stock Cen- ter (IMSC) der Universität Freiburg hat einen Vertrag mit dem Heilbron- ner Biotechnologieunternehmen Greenovation Biotech GmbH ge- schlossen. Greenovation produziert Biopharmazeutika, zum Beispiel hu- mane Antikörper, im Moosbioreaktor. Durch den Vertrag kann das Unter- nehmen wirtschaftlich bedeutende Produktionslinien als so genannte Master Cell Banks in der Freibur- ger Biobank verwahren. Am IMSC werden Moose eingefroren, gelagert und zentral verwaltet. Ein System von Registriernummern gewährleistet eine zuverlässige Identifizierung der einzelnen Proben. Finanziert wird das IMSC vom Lehrstuhl für Pflan- zenbiotechnologie sowie vom Exzel- lenzcluster BIOSS. Die Biobank des IMSC ist Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern frei zugänglich, um den Material- und Informationsaus- tausch für die Grundlagenforschung zu erleichtern. Aber auch Unterneh- men können die Dienste des IMSC in Anspruch nehmen. Die von ihnen eingereichten Proben werden ver- traulich behandelt. Moose im Froster Foto: Sürth/Fotolia