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uni'alumni 2015

Auf dem Tisch liegt ein circa 1.500 Seiten starkes Buch: „Die Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert“, er- schienen am 8. Mai 2014. Der Autor des epochalen Werks, Prof. Dr. Ulrich Herbert, erinnert sich noch mit leichtem Stirnrun- zeln an jeden Schritt der zehnjährigen Entstehungsgeschichte. Der Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Freiburg hatte früh ge- merkt, dass eine „Erklärgeschichte“ des 20. Jahrhunderts, die zudem klar geteilt ist in eine Geschichte vor 1945 und eine danach, viel mehr Platz und Zeit brauchen würde, als in der ursprünglichen Planung vorgesehen war. „Zumal schnell deutlich wurde, dass viele Entwicklungen Teil ei- nes europäischen Prozesses sind.“ In überregionalen Medien präsent Die Begeisterung für die Analyse ge- sellschaftlicher Entwicklungen mit dem distanzierten Blick des Historikers brachte den 1951 in Düsseldorf gebore- nen Wissenschaftler allerdings nicht so- fort an die Universität. Nach dem Studium absolvierte Herbert zunächst ein Referendariat und unterrichtete als Studienrat am Gymnasium. „Das war für mich wie ein zweites Studium, nur dies- mal bezahlt“, freut sich Herbert noch heute. Als er 28 Jahre alt war, tauchte die Idee auf, dass noch etwas anderes kommen müsse. Er entschied sich für die Universität, während er für seine zeit- geschichtliche Promotion bei Prof. Dr. Lutz Niethammer in Essen über Zwangs- arbeit in der Zeit des Nationalsozialismus forschte. „Das war ein Riesenthema, das zu der Zeit eine große öffentliche Diskussion auslöste und zu dem es bis dahin keine Forschung gab“, erinnert sich der Historiker und Leibniz-Preisträger. Seine Habilitation über die Biografie des SS-Intellektuellen Werner Best festigte endgültig den Wunsch, Gegen- wartsgeschichte mit wissenschaftlicher Distanz zu analysieren und wichtige Orientierungshilfe zu leisten. Dass es dabei nicht bei rein wissen- schaftlichen Veröffentlichungen blieb, deren Anzahl einen Bücherschrank lo- cker sprengt, zeigt schon ein schneller Blick in überregionale Medien: Filme mit historischen Themenschwerpunkten, öf- fentliche Reden von Politikerinnen und Politikern oder Stellungnahmen von His- torikerinnen und Historikern fordern im- mer wieder Herberts Kritik oder Lob her- aus. So zuletzt die Rede des Bundes- präsidenten Joachim Gauck zum Geden- ken an den Beginn des Zweiten Weltkriegs: „Einseitigkeit“ und eine „Eska- lation der Worte“, zitierte die „Süddeut- sche Zeitung“ aus Herberts Kommentar. „Das ist der Job des Zeithistorikers“, er- klärt Herbert: „Wir erinnern an vergessene Geschichte und machen Zusammen- hänge deutlich.“ Auf die Frage, welche Berufsbezeich- nung am ehesten seinem Selbstverständ- nis entspreche, entscheidet sich der Historiker spontan für „Hochschullehrer“. „Lehre ist eine Kunst, die mit Engage- ment und Verve auszufüllen ist“, betont Herbert. „Aber man muss auch etwas zu erzählen haben; also Forschung und Lehre.“ Wenn ihm die Studierenden mit dem nötigen Lesepensum folgten, gebe er gerne seine Rolle als Lehrender zu- gunsten eines gemeinsamen Lernpro- zesses auf. Der intensive Dreitakt aus Forschen, Lehren und Schreiben lasse ihm keine Zeit für Hobbys, sagt der Va- ter von zwei Kindern, die sich in der Ausbildung befinden. Seine Hobbys sei- en der Beruf und die Familie. „So sollte es sein, und so ist es auch geworden.“ Eva Opitz Der Historiker Ulrich Herbert erinnert an vergessene Geschichte und macht Zusammenhänge deutlich. Foto: Thomas Kunz Der Zeithistoriker Ulrich Herbert analysiert Gegenwartsgeschichte aus der Distanz des Wissenschaftlers PORTRÄT 20 Uni-Splitter uni'alumni 2015

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